Ich bin enttäuscht von dir, Oma.

 

Über drei Monate hinweg habe ich mich akribisch vorbereitet. Habe mir ein Kleid ausgesucht, in dem ich dir gefalle, um dir eine Freude zu machen, denn du siehst mich so gerne in schick. Habe mir passenden Schmuck gekauft, auch wenn ich sonst keinen trage. Potter hat sich ein neues Hemd gekauft, weil auch er dir eine Freude machen wollte. Wir haben Herrn Schnute ein süßes Outfit zusammengestellt. Ich habe geplant, gebucht, vorbereitet und mich unbändig gefreut mit dir feiern zu können. Deinen 100. Geburtstag – wann kann man sowas schon?

Zeitgleich habe ich mich wahnsinnig gesorgt wegen der vielen Fragezeichen und Unsicherheiten. Habe mir immer wieder Mut zugesprochen, weil ich daran zweifelte, ob ich das schaffen kann, ob ich stark genug bin. Der Kontakt zu meinen Eltern und meinem ältesten Bruder ist schließlich aus gutem Grund abgebrochen, auch wenn du diesen Grund nicht kennst und ich ihn dir niemals erzählen werde. Du weißt zumindest auch: es ist kompliziert. Ein Wiedersehen nach knapp sieben Jahren darum eine große, schwierige Aufgabe für mich. Und du die einzige Person, für die ich das auf mich genommen hätte.

Als ich dich fragte, ob du uns bei deiner Feier dabei haben möchtest, hast du dich unglaublich gefreut, hast in die Hände geklatscht und meintest, das wäre dein schönstes Geschenk. Du meintest, du hättest schon überlegt, ob du überhaupt feiern willst, weil doch ohne uns eigentlich jemand fehlen würde. Diesen Moment habe ich mir immer wieder in Erinnerung gerufen, wenn ich zweifelte. Wenn ich befürchtete, dem Druck nicht standzuhalten. Wenn die Angst vor diesem Tag übermächtig wurde.

Auch bei unserem nächsten Treffen haben wir wieder über diesen Tag gesprochen und du hast deine Sorgen geäußert, dass es an deinem Ehrentag zu Streitereien kommen würde. Ich habe dir immer wieder versichert, dass du von meiner Seite aus nichts zu befürchten hast. Dass ich lange nicht mehr so aufbrausend bin, wie ich das als Jugendliche war. Dass die Herausforderung für mich nicht ist, dass ich keine Auseinandersetzungen auslösen soll. Und du hast immer wieder ausgedrückt, wie sehr du dich freust, auch wenn klar wurde, dass es für alle Beteiligten anstrengend werden würde.

Deine Tochter, meine Mutter, hatte indessen nichts Besseres zu tun, als sich einzureden, dass das mein Signal für eine Versöhnung wäre und sie nun endlich ihren Enkel kennenlernen könne. Mich und uns wieder in ihrem Leben hätte. Sie fing wieder an Päckchen zu schicken mit Geschenken an Herrn Schnute. Von „Oma und Opa“. In mir wuchs die Abscheu und ich ahnte schon etwas.

Sie ist es, weswegen wir nun auf dich verzichten müssen. Sie sorgte dafür, dass du Zweifel an mir bekamst und vermutlich dachtest, ich wäre ein wandelnder Vulkan, der jederzeit ausbrechen könnte. Sie war schon immer gut darin, alle Welt davon zu überzeugen, dass ich nur Schlechtes im Sinn hätte. Die Familie zerstören würde. Das schwarze Schaf sei. Wahrscheinlich redete sie dir ein, ich hätte einen großen Showdown geplant, um mich an ihr zu rächen und würde deinen Geburtstag nur dafür benutzen. Oder vielleicht dachte sie, ich würde genüsslich dabei zusehen wollen, wie sie Herrn Schnute, ihren Enkel, nur aus der Ferne würde betrachten können, wohl wissend, dass sie sehr viel (wenn auch eben nicht alles) dafür tun würde, Kontakt zu ihm zu haben. Denn es könnte ja wohl nicht sein, dass ich mich dir zuliebe überwinde, dich im Sinn hätte und dir eine Freude machen wolle. Ich bin doch hier die Böse.

Und nun hast du uns ausgeladen, nicht ganz eine Woche vorher. Wir werden nicht mit dir feiern können. Wir werden dich an diesem Tag nichtmal sehen. Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als dich anzurufen, so als wäre es jeder andere Geburtstag. Nur wirst du noch abgelenkter sein als sonst, weil wohl alle fünf Minuten irgendwer anrufen wird. So werden wir uns dann auch fühlen: Als wären wir irgendwer, eine deiner vielen oberflächlichen Bekanntschaften, die ein Scheibchen deiner vermeintlichen Unsterblichkeit abhaben wollen.

Nein, es ist nicht dasselbe, an einem anderen Tag mit dir irgendwo essen zu gehen und „nachzufeiern“. Es ist einfach nicht vergleichbar. Nicht, wenn deine gesamte restliche Verwandtschaft diesen Tag mit dir gemeinsam feiern darf. Alle deine Enkel- und Urenkelkinder werden da sein. Nur Herr Schnute und ich nicht. Ich werde ihm in 10 Jahren kein Foto zeigen können, auf dem er mit seiner Uroma ihren 100. Geburtstag feiert.

Und das nur, weil jemand anderes sich nicht im Griff hat, sich konstant daneben benimmt, Märchen über mich verbreitet und dir immer und immer wieder die Ohren vollheult, obwohl sie weiß, wie sehr dich das belastet. Weiß, dass du – ohne den Grund für den Kontaktabbruch zu kennen – unmöglich damit umgehen kannst.

Ja ich weiß, dass ich jetzt im Selbstmitleid bade, aber ich finde, dass ich da gerade jedes Recht zu habe. Denn mir tut alles weh und ich weiß im Moment nicht weiter. Ich weiß nicht, wie ich die enormen Anstrengungen der langen Reisen zu dir das nächste Mal auf mich nehmen soll. Denn ich bin tief verletzt und bitter enttäuscht und werde es dir gegenüber nichtmal zeigen können, denn das würde dich traurig machen. Und ich will dich nicht traurig machen.

Aber ich bin enttäuscht von dir, Oma, weil du mir und uns so viel damit wegnimmst. Weil du bis zur allerletzten Minute gewartet hast, um uns auszuladen. Weil du die scheinheilige Verwandtschaft uns vorziehst. Diejenigen, die Geld mit Liebe verwechseln und die es kaum abwarten können, bis du den Löffel abgibst, damit sie endlich, endlich erben können.

Und ich kann es verstehen, denn natürlich wünschst du dir einen friedlichen, wunderschönen Geburtstag und hast Angst, dass es nachher kein märchenhafter Tag wird, an den du dich für den Rest deines Lebens glücklich zurückerinnern kannst. Aber es tut verdammt weh, dass wir dafür geopfert werden. Dass dieser Tag für uns nur ein grauer, kalter Januartag sein kann und keine goldene, wärmende Erinnerung werden wird.

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