Wochenende in Bildern – 27./28. Mai 2017

Diese Art von Wochenende ist sowohl enorm kräftezehrend, als auch Seelenbalsam – bunt miteinander verwoben: Ein Besuch bei meiner Oma steht an.

Samstag:

Unser Tag startet früh: Um Herrn Schnute langes Herumsitzen im Auto zu ersparen, fahren wir schon um vier Uhr morgens los, damit er noch schlafen kann. Wir brauchen wenn wir gut durchkommen etwas mehr als vier Stunden – Pausen noch nicht eingerechnet. Da ich ja gerade erst meinen Führerschein mache, kann ich Potter auch nicht abwechseln und er muss alleine die Strecke durchpowern. Beim nächsten Mal dann hoffentlich nicht mehr!


Ich bin ziemlich nervös – der letzte Besuch bei meiner Oma ist ziemlich lange her und der letzte größere Kontakt bestand in ihrer Ausladung zu ihrem 100. Geburtstag im Januar. Aus dem Grund habe ich die wenigen Stunden bis zur Fahrt kaum ein Auge zu gemacht und bin doppelt froh, dass wir viel Kaffee dabei haben.

Den Sonnenaufgang kriege ich im Sommer selten mit.

Die Sonne ist aufgegangen und Herr Schnute ist immer noch wach. Die vielen Laster auf der Autobahn sind einfach spannender! Für mich ist die Fahrt dadurch deutlich anstrengender, auch weil er viel stillen will und das quer über den Reboarder gebeugt echt nicht bequem ist…

Immerhin kommen wir gut voran: Hallo Niederrhein!


Herr Schnute hält sich mit allerlei Knabbereien bei Laune.

Langsam wird die Sonne ganz schön warm – und störend.

Die Puppe ist zum ersten Mal dabei – und entsprechend aufgeregt. Sie begegnet heute der Person, die sie für Herrn Schnute gekauft hat. <3

Wir brauchen alle dringend eine Pause. Ich bin so müde, dass ich im Auto auf der Raststätte einschlafe, während die beiden draußen picknicken und dutzenden Lastwagen hinterhergucken.

Irgendwann haben wir es doch geschafft und sind endlich da! Wie immer muss insbesondere Herr Schnute sich erstmal akklimatisieren, auch wenn seine Uroma ihn am liebsten gleich abknutschen würde. Er hat sie nun volle 6 Monate nicht gesehen – für ihn ein halbes drittel Leben! Gut, dass die Uroma einen kleinen Garten hat und dort auch noch eine große Gießkanne steht.

Oma geht mit uns unheimlich gerne in „ihrem“ Bioladen shoppen. Dann verwöhnt sie uns mit allerlei Leckereien, von Obst bis zu veganem Eis – das macht uns alle gleichermaßen glücklich! Besonders schön für sie: Herr Schnute sitzt ausnahmsweise mal im Kindersitz – so kann sie sich abstützen und hat ihren Urenkel ganz nah.

Das Mittagessen ist wieder mal aufregend – zumindest für mich. Potter kocht uns unser momentanes Lieblingsgericht: Süßkartoffel-Kokos-Pfanne mit Reis. Ich habe vorab keine Ahnung, ob Oma etwas, für ihre Gewohnheiten, dermaßen exotisches schmeckt und es ist mir immer maximal unangenehm, wenn wir sie bekochen und sie kriegt es nicht runter, weil es für ihre Geschmacksnerven einfach zu fremd ist… Aber Potter konnte voll überzeugen: Es schmeckt ihr ausgezeichnet und sie nimmt sogar Nachschlag! Ein tolles Rezept also, für hungrige Mäulchen von 1 – 100 Jahren. ^^

Strategisch eher unklug dagegen war meine Wahl des Ortes für den Mittagsschlaf: Ich habe uns das sonnigste Zimmer erwischt und es ist eklig warm. Herr Schnute, der ja nun auch seit 4 Uhr wach ist, schläft trotzdem wie ein Stein – schwitzt allerdings entsprechend…

Danach geht es gut erholt wieder zur „Uh-Oh“ um zu spielen.

Trotz der langen Wiedersehenspause sind die beiden gleich wieder ein Herz und eine Seele. <3

Wir essen noch eine Kleinigkeit zu Abend und machen uns dann auf den Weg in’s Hotel. Zum ersten Mal übernachten wir nicht mehr bei meiner Oma, da Übernachtungsbesuch für sie nun einfach zu anstrengend geworden ist. Ihre abendlichen und nächtlichen Routinen wollen wir auch wirklich nicht so sehr stören und auch für uns ist es so angenehm, denn Herr Schnute ist zur Zeit eh frühestens um 21:30 Uhr wirklich müde… Wir gehen darum auch nach dem Einchecken gleich wieder raus, zum müde machen.

Ganz in der Nähe des Hotels liegt, gemütlich unter die warme Erde gekuschelt, mein Opa – Herr Schnutes Uropa – dem wir spontan einen Besuch abstatten. Auf dem Friedhof ist es schön ruhig und zu meiner Erleichterung freuen sich alle anderen Besucher*innen über unser interessiert umherwanderndes Energiebündel.


Wir machen noch ein kleines Picknick und als ich so dasitze und Potter mit Herrn Schnute beim herumtoben zuschaue, kommen mir die Tränen: Mir wird bewusst, dass mein Opa seinen wunderbaren Urenkel „nur“ um ziemlich genau 10 Jahre verpasst hat. Wenn man bedenkt, dass er 95 wurde, ist das wirklich keine so große Zeitspanne. Er hätte an meinen beiden Lieblingsmenschen seine helle Freude gehabt und wäre sicherlich mehr als zufrieden, mich so glücklich im Rahmen meiner kleinen Familie zu sehen. Vor knapp 12 Jahren, als er starb, war ich in keiner sonderlichen guten Verfassung und sehr unglücklich und verloren in meinem Leben. Schade, dass er diese krasse Kehrtwende nicht mehr mitbekommen hat, aber schön, dass ich so an einem völlig anderen Ort bin, als ich es damals war.

Sonntag:

Die Nacht war grauenvoll: Ich habe mich mit Kopfschmerzen gequält und konnte zusätzlich wegen der Hitze nicht schlafen. Gut, dass ich im Hotelzimmer kein Thermometer hatte, sonst hätte ich es vermutlich noch unerträglicher gefunden. Am Morgen wecke ich Potter, als Herr Schnute wach wird, damit ich etwas knabbern und meine Migränetablette einnehmen kann. Da ich im Anschluss mindestens 2 Stunden nicht stillen sollte, kann ich diese Tablette nicht nachts nehmen, ohne dass Potter sich alleine um Herrn Schnute kümmert. Und das wollte ich um jeden Preis vermeiden, schließlich hat er noch die lange Rückfahrt am Abend vor sich.

Die beiden gehen raus, damit ich Ruhe habe und geraten in ein Gewitter. Vom Auto aus ist der Regen spannend und prasselt wunderschön, so dass Herr Schnute auch ohne viel Bewegung glücklich ist.

Das Gewitter am Himmel und in meinem Kopf verzieht sich langsam und wir machen uns auf den Weg zum Frühstück bei der (Ur)Oma.

Zumindest für mich wird aus dem gemütlichen Sonntagsfrühstück nichts: Meine Oma drückt ziemlich unvorsichtig aus, dass sie mit unserer (equal care) Arbeitsaufteilung nicht zufrieden ist. Potter macht zu viel, meint sie und ich solle doch mehr machen. Nach zwei mehr oder weniger durchwachten Nächten und der Migräneattacke bin ich nach der Aussage ziemlich geknickt. Manchmal merkt man Omas Weltbild das Jahrhundert auf dem Buckel sehr an. Den Ruf, einfach stinkfaul zu sein, werd ich zu ihren Lebzeiten wohl nicht mehr los. Meine Arbeit sieht sie einfach nicht, was Potter tut, fällt ihr gleich auf, einfach weil er ein Mann ist.

Mir wird wieder mal schmerzlich bewusst, wie anders ich mich bei Oma eh schon verhalte. Ich habe bei jedem Besuch riesige Angst vor Kritik und Zurückweisung, ziehe mich extra so an, wie sie es mag und vermeide alles, was ihr negativ auffallen könnte. Ihr Liebesentzug ist einfach immer noch zu heftig für mich.

Ich erzähle von der Migräneattacke und dass ich etwas eingenommen habe, auch um mein vermeintliches Faulsein für sie etwas auszubügeln. Sie schnaubt und fragt, wieso ich denn da Schmerzmittel nähme – sowas habe sie ja nichtmal im Haus. Immerhin kriege ich nicht wieder die Geschichte zu hören, wie sie ja in den Wechseljahren auch mal Migräne hatte und sich dann einfach gesagt hätte, sie habe jetzt keine Schmerzen mehr und Buff ging es ihr wieder gut. Jaja, schwere neurologische Erkrankungen wie Migräne kann man sich einfach weg-einbilden. Muss man nur wissen.

Gut, dass ich extra viel Kaffee gemacht habe.

Potter merkt, dass ich mich anstrenge, fleißiger zu sein und versucht mich zu bremsen, damit ich mich besser erholen kann. Weil ich keine andere Möglichkeit habe, schreibe ich ihm schnell einen Zettel:

Während Oma im Fernsehen die Sonntagsmesse guckt, kühlen wir uns  im Wintergarten körperlich und emotional ab.

Schön, dass Herr Schnute sich mit den alten Duploautos, mit denen ich als Kind schon gespielt habe, so gern alleine beschäftigt – dadurch können wir in Ruhe reden und gemeinsam Omas Verhalten für mich etwas in Perspektive setzen.

Nach der Messe mime ich die gute Hausfrau und mache den Abwasch. Das sieht sie zwar auch nicht, aber so sieht sie mich wenigstens nicht irgendwo „nichts tun“…

Zu Mittag gehen wir Essen. Nach langem Suchen und vielen Versuchen haben wir  endlich ein Restaurant gefunden, in dem es allen schmeckt: Oma kriegt etwas Gutbürgerliches und wir haben die Auswahl aus mehreren veganen Gerichten. <3 Oma isst richtig viel und verdrückt ein ganzes Menü mit Vorspeise und Nachspeise. Sie ist dünn geworden und es freut uns alle, wie sie reinhaut.

Der anschließende Mittagsschlaf ist wieder sehr heiß, aber weniger extrem als gestern – wir liegen diesmal auf der anderen Seite des Hauses…

Die Uroma muss noch Sport machen, denn Herr Schnute will den großen Bären Gassi fahren. Zumindest in den Garten schaffen die beiden es noch ganz locker.

Es wird langsam Abend und Wehmut macht sich breit. Herr Schnute und Oma gucken noch gemeinsam Fotos der letzten Monate an und er erzählt ihr, was er alles sieht und wiedererkennt. <3

Wir machen uns auf den Rückweg und ich hoffe inständig, dass Herr Schnute sich erbarmt und viel von der Fahrt verschläft.

Alle drei essen wir noch Butterbrote und reden über das Wochenende und unsere Erlebnisse.

Potter und ich haben wie jedesmal viel zu verarbeiten und zu besprechen, das im Laufe des Wochenendes auf der Strecke blieb. Während wir reden, stille ich Herrn Schnute erfolgreich in den Schlaf –  unser Plaudern hat bestimmt gut geholfen. Mein Fazit: Auch wenn diese Besuche insbesondere für mich immer eine große Herausforderung sind, mindestens für Herrn Schnute lohnt sich all die Anstrengung. Sie vergöttert ihn und er ist ebenfalls ganz vernarrt in sie – die beiden tun sich gegenseitig sehr gut. Aber ich würde mir doch wünschen, dass ich selbst auch noch ein bisschen Enkelkind sein dürfte…

 

Mehr Wochenenden in Bildern und die Initiative dazu findet ihr bei geborgen wachsen.

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